Der
Klappentext
Hanna
Elisa fliegt gemeinsam mit ihrem Mann in den Mittleren Osten, um ihre Tochter
und das neugeborene Enkelkind zu besuchen. Auf dem langen Flug führen die
Gedanken sie in eine Zeit, die sie nur aus Erzählungen ihres Vaters und ihres
Großvaters kennt, verfangen sich in den unruhigen Zeiten ihres eigenen Beginns.
Es
begann alles auf einer Hochzeit, als die fröhliche Lilli dem Marinesoldaten
Hardy begegnete, der einst ausgesandt wurde die Welt zu erobern. Der ehemalige
U-Boot Funker Hardy, Sohn eines Bergarbeiters oft nur knapp dem Tod auf den
Weltmeeren entronnen und Lilli, ein unbekümmertes rheinisches Mädchen, planten
voller Zuversicht ihre gemeinsame Zukunft. Tatkraft und Ideenreichtum,
Optimismus und Humor prägten ihre Taten, die sie auch die schwierigsten Zeiten
überstehen lässt. Hanna Elisa erlebte zwei Welten. Da war Lillis Familie,
angeführt von Jakob, dessen hohes Ansehen im Dorf ihn zum Berater der
Unsicheren machte. Von ihm lernte Hanna Elisa schon früh, sich einzumischen und
die streng katholische Großmutter, die dem Kind nicht erlaubte am Morgen vor
dem Beten zu singen. Im Ruhrgebiet lebten Hardys Eltern, unpolitisch und nicht
nur zu Jakobs Entsetzen waren sie einst Befürworter Hitlers Politik. Erst als
die Auswirkung des Krieges auch ihre Familie erreichte entstanden Zweifel. Hier erlebte Hanna Elisa Urlaubstage ohne
Fesseln, Zusammentreffen der Nachbarschaft auf der Bank unter dem Fliederbaum,
gemeinsames Musizieren, Toleranz - aber auch das Auseinandergehen der
langjährigen Gemeinschaften, als der Fernseher seinen Siegeszug antrat.
Leseprobe
Schweren Herzens stimmte Sophia Hardys Einzug
in ihren Haushalt zu, denn sie kannte die Dorfbewohner und ahnte, was auf sie
zukommen würde. Schon wenige Tage nach Hardys Ankunft wurden ihre Befürchtungen
bestätigt und die besten Freunde, die liebsten Verwandten verbreiteten in
Windeseile die ungeheure Nachricht, das Lillis Verlobter mit ihr unter einem
Dach lebte, zwar bei den Eltern, aber trotzdem,
„Dat jehört
sich doch nit. Wat saat de Pastor dazu?“.
Sophia war
erschüttert, Jakob lachte, Hardy fühlte sich als Verursacher des Geredes unwohl
und Lilli lief nur noch mit zu Boden gesenktem Blick durch das Dorf.
„Das
Geschwätz der Leute geht uns nichts an.“,
beruhigte Jakob das junge Paar.
„Sophia
scheint auch vergessen zu haben, in welche Familie sie hinein geheiratet hat.
Schon unsere Vorfahren haben gezeigt, dass der Wert eines Menschen an anderen
Dingen zu messen ist als an Äußerlichkeiten“.
Nachmittags versammelte sich die ganze
Familie am Arbeitstisch im Hof, um Gemüse zu putzen, das Jakob und Lilli mit
dem großen Leiterwagen aus dem Garten geholt hatten.
Jakob rauchte stehend eine der kostbaren
Zigaretten, die Hardy ihm aus dem Ruhrgebiet mitgebracht hatte, beobachtete
eine Zeitlang nachdenklich die über ihre Arbeit Gebeugten, holte einmal tief
Luft, setzte sich zu ihnen und bat, ihm zuzuhören.
„Ich denke
es ist an der Zeit, dass ich euch von meiner Großmutter erzähle. Sie war eine
außergewöhnliche Frau, stark und aufrecht ging sie durch das Leben. Kein
Klatsch und Tratsch drang je an ihre Ohren. Niemand hätte gewagt in ihrer
Gegenwart schlechtes über einen Dorfbewohner zu erzählen. Mein Vater war ihr
ältester Sohn. Allein die Umstände unter
denen er im Jahr 1857 gezeugt wurde sprechen dafür, dass Großmutter eine
bemerkenswerte Frau war. Mit achtzehn Jahren, von ihrer ersten großen und
einzigen Liebe verlassen, fasste sie den Entschluss, kein männliches Wesen mehr
an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Sie wollte sich weiteren Schmerz ersparen.
Mit den
Jahren entstand in ihr der Wunsch, eine immer stärker werdende Sehnsucht nach
einem Kind, bis sie mit fast dreißig Jahren den Mann traf, von dem sie glaubte,
er könnte ihr diesen Wunsch erfüllen, ohne dass sie ihr eigenes unabhängiges
Leben aufgeben müsste, das sie sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hatte.
Trotz der zahlreichen fragenden Stimmen im Dorf verriet sie den Vater ihres
Kindes nicht und heiratete nie, war aber der Meinung, ein Kind sollte nicht
alleine aufwachsen und bekam drei Jahre nach der Geburt des ersten Sohnes von
einem anderen Mann einen zweiten Sohn. Die Väter ihrer Söhne hatte sie mit
Bedacht ausgewählt. Beide waren hoch gewachsen und kräftig, intelligent,
warmherzig und humorvoll und sie waren Fremde, die das Dorf mit Sicherheit
wieder verlassen würden. Sie arbeiteten als Ingenieure an der Bahnstrecke und
erfuhren nie, dass sie Vater waren. Es hätte sie sowieso nicht interessiert.
Ihre Söhne zog Großmutter ohne fremde Hilfe auf, die beide die guten
Eigenschaften und das Aussehen ihrer Väter erbten, gepaart mit ihrer
Naturverbundenheit, Sparsamkeit und ihrem Arbeitswillen.
Der Umstand, dass sie schon als sehr junge
Frau von ihren Eltern einige Grundstücke und ein kleines Häuschen mit Stall und
Scheune erbte, das nur wenige Meter von den Bahnschienen entfernt lag,
versetzte sie in die Lage ungebunden zu leben. Sie vermietete Zimmer und bei
den Bahnarbeitern sprach sich schnell herum, dass sie nirgendwo freundlicher
aufgenommen würden und sauberere und hellere Zimmer erhielten.
In ihrem Stall gediehen Schweine und Hühner,
die großen Gärten versorgten sie mit Gemüse und Obst im Überfluss und zum
Erstaunen der Dorfbewohner kaufte sie bereits nach wenigen Jahren ihrer
Selbständigkeit weitere Gartengrundstücke und Wälder, schickte ihre Söhne zur
Schule und erwarb sich uneingeschränkte Achtung und hohes Ansehen im Dorf. Auch
im Alter beanspruchte sie keine fremde Hilfe. Sie gab ihre Selbständigkeit nie
auf, obwohl Söhne und Schwiegertöchter ihr immer wieder anboten, sie von ihren
Pflichten zu befreien. Mit vierundachtzig Jahren beschloss sie, ihr Leben
dauerte nun lange genug. Die Müdigkeit nistete sich auch an sonnigen Tagen in
ihrem Körper ein. Nach jahrzehntelanger harter körperlicher Arbeit wich der
Schmerz nicht mehr aus den Knochen, die Gelenke waren verschlissen. Sie legte
sich ins Bett, rief die Söhne und ihre zehn Enkelsöhne zu sich und sagte ihnen,
„Das Leben
gab mir die Gelegenheit mich mit den Männern zu versöhnen. So sehr ich mir eine
Tochter wünschte, ich habe gerne mit euch zusammen gelebt und bin stolz auf
euch.“
Nachdem sie sich auch von ihren beiden
Enkeltöchtern und den Schwiegertöchtern verabschiedet hatte, verflüchtigte sich
ihre Seele und der zurückgebliebene Körper der großen starken Frau erschien
den Söhnen
klein und zerbrechlich. Ihr Tod hinterließ nicht nur in der Familie eine
unausfüllbare Lücke. Alle Bewohner des Dorfes trauerten um sie.
Viele junge Frauen hatten sich bei
Krankheiten, ungewollten Schwangerschaften und Liebeskummer an sie gewandt und
sie hatte vielen helfen können. Die Kräuterkunde war zeitlebens ihre große
Leidenschaft, sie versäumte aber ihr wertvolles Wissen weiterzugeben. Die
Tochter fehlte.
Die Söhne hatten beide ein Handwerk gelernt,
ortsansässige Frauen mit Landbesitz geheiratet und profitierten nach
Großmutters Tod von ihrem hohen Ansehen.
Jetzt wurden sie im Dorf um Rat und Meinung gefragt.
Heute sehe ich das als meinen Einstieg in die
Kommunalpolitik. Ich war noch ein Knirps, saß auf den Knien meines Vaters und
hörte aufmerksam zu, wenn er sich mit den Ratsuchenden unterhielt und lernte
bald, meine eigene Meinung zu bilden.
Wir wohnten im Haus der Großmutter. So lange sie lebte, war sie der
Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns.
Mit den Jahren waren wir zu einer stattlichen
Familie herangewachsen. Ich hatte fünf Brüder und eine Schwester und ich liebte
sie alle. Wir lebten nicht im Luxus, aber wir haben nie gefroren, kannten
keinen Hunger, trugen im Winter Schuhe und hatten jeder ein eigenes Bett.
Du siehst mich erstaunt an, Lilli! In unserem
Dorf gab es viele Leute, für die diese Dinge nicht selbstverständlich waren.
Aber wir hatten Glück, gute Eltern, in deren Mitte wir uns geborgen fühlten,
obwohl sie uns schon als kleine Dötzchen mit in die Gärten und Wiesen nahmen,
um die Beete zu hacken, die gefräßigen Raupen von Gemüse und Obst zu sammeln,
beim Ernten zu helfen und am Rheinufer Futter zu suchen. Schon im Kindesalter
versorgten wir die Tiere und gingen den Eltern beim Ausmisten der Ställe zur
Hand. Wir lernten schon in jungen Jahren harte Arbeit kennen. Es störte uns
nicht.
Ungewöhnlich für die Zeit um die
Jahrhundertwende war, dass eine Familie unseres Standes kein angepasstes Leben
führte. Trotz der vielen Arbeit ließen die Eltern uns Kindern Freiräume für
eigenes Denken und Handeln. Wir besuchten alle die Schule. Mit vierzehn Jahren
mussten wir arbeiten gehen, um Geld zu verdienen und ohne dass darüber jemals
gesprochen wurde, legten alle Kinder einen Anteil ihres Lohnes der Mutter auf
den Küchentisch. Es war nicht möglich sieben Kindern eine Lehre oder eine
weiter gehende Schulausbildung zu finanzieren. Fünf von uns sechs Brüdern haben
erreicht, was möglich war. Wir haben alle einen guten Beruf und eine liebevolle
Familie. Ein großes Glück ist, dass wir alle bei der Reichsbahn beschäftigt
sind und dadurch nicht zu den Kriegen einberufen wurden. Das Soldatenleben
blieb uns erspart.
Was erzähle
ich? Das ist euch doch bekannt!
Meine Schwester war die einzige von uns, die
das Dorf verließ. In ihren letzten
Lebensjahren erzählte Großmutter häufig von den Vätern ihrer Söhne und meine
Schwester war ihre aufmerksamste Zuhörerin.
Bei Aufräumarbeiten nach Großmutters Tod
fand sie in einer Kommode einen längst vergessenen Brief mit Namen und Adresse
des unbekannten Großvaters. Sie fühlte sich schon lange durch die Berge, die
unser wunderschönes Rheintal umgeben, eingeengt, dazu kamen Großmutters
Erzählungen und der Brief des Fremden – das alles zusammen löste in ihr den
Wunsch aus, die Familie des Großvaters zu suchen. Trotz vieler Mahnungen der
Eltern ihren Schritt zu überdenken, begab sie sich eines Sommertages auf den
Weg und kam erst nach vielen Jahren zu uns zurück. Sie blieb nur wenige Tage
und plante bereits neue Abenteuer zu erleben. Ihre Erlebnisse werde ich heute
nicht erzählen. Der Tag nähert sich dem Ende und die Zeit reicht nicht aus,
ihre Dummheiten aufzuzählen“.
Sophia
lachte, wusste sie doch wie stolz Jakob auf seine Schwester war und wie sehr er
sie liebte.
„Mein
jüngster Bruder ist euch unbekannt. Wie solltet ihr ihn auch kennen? Als er
starb, ward ihr noch nicht geboren.
Hännes, das
kleine zarte, immer hungrige, von allen verhätschelte Nesthäkchen, trat nach
der Schulentlassung in unsere Fußstapfen.
Im Geleitschutz seiner großen Brüder marschierte er die wenigen Schritte
zum nah gelegenen Bahnhofsdepot, wo er für den ersten Arbeitseinsatz in der
Rotte eingeteilt und ausgestattet wurde. Andächtig hörte er unseren
Schilderungen zu, die von der großen Verpflichtung sprachen, die von nun an auf
ihm lastete.
„Stell dir
das nicht so einfach vor, das ist kein Pappenstiel, die Verantwortung für die
Gleisanlagen liegt ab jetzt mit in deinen Händen“,
und Hännes
fasste den Vorsatz, die abzulaufenden Schienen sorgfältig zu kontrollieren und
auszubessern. Nicht der kleinste Schaden
sollte seinen Augen entgehen, die Rheinstrecke würde unfallfrei bleiben, dafür
wollte er sorgen.
Wir Älteren begaben uns seinerzeit alleine
auf den Weg zu unserer unbekannten Arbeitsstelle, aber niemand von uns wäre auf
die Idee gekommen, dies dem Jüngsten zuzumuten, und die Mutter sah erleichtert
hinter uns her, die dem Kleinsten ihre Unterstützung auf dem mühsamen Weg ins Erwachsen werden zusagten. Sogar die
drei verheirateten Söhne waren am heutigen Tag im Elternhaus erschienen, um
sich den Brüdern anzuschließen. Die Mutter unterdrückte die aufsteigenden
Tränen. Jetzt ging auch der letzte ihrer Sprösslinge aus dem Haus. Aber da half kein weinen oder zetern, es war
der Lauf der Dinge und sie hatte sich wortlos zu fügen.
Der
Rottenführer begrüßte Hännes,
„So, so, du
bist der letzte von Königsfelds Pitters Nachwuchs. Dann wollen wir mal sehen,
was in dir steckt. Wenn du so wirst wie deine Brüder, na, dann bekommen deine
Eltern keine Sorgen."
teilte ihm
sein Werkzeug zu und der Arbeitstag begann.





