Mittwoch, 21. Dezember 2011

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Der Klappentext


Hanna Elisa fliegt gemeinsam mit ihrem Mann in den Mittleren Osten, um ihre Tochter und das neugeborene Enkelkind zu besuchen. Auf dem langen Flug führen die Gedanken sie in eine Zeit, die sie nur aus Erzählungen ihres Vaters und ihres Großvaters kennt, verfangen sich in den unruhigen Zeiten ihres eigenen Beginns.
Es begann alles auf einer Hochzeit, als die fröhliche Lilli dem Marinesoldaten Hardy begegnete, der einst ausgesandt wurde die Welt zu erobern. Der ehemalige U-Boot Funker Hardy, Sohn eines Bergarbeiters oft nur knapp dem Tod auf den Weltmeeren entronnen und Lilli, ein unbekümmertes rheinisches Mädchen, planten voller Zuversicht ihre gemeinsame Zukunft. Tatkraft und Ideenreichtum, Optimismus und Humor prägten ihre Taten, die sie auch die schwierigsten Zeiten überstehen lässt. Hanna Elisa erlebte zwei Welten. Da war Lillis Familie, angeführt von Jakob, dessen hohes Ansehen im Dorf ihn zum Berater der Unsicheren machte. Von ihm lernte Hanna Elisa schon früh, sich einzumischen und die streng katholische Großmutter, die dem Kind nicht erlaubte am Morgen vor dem Beten zu singen. Im Ruhrgebiet lebten Hardys Eltern, unpolitisch und nicht nur zu Jakobs Entsetzen waren sie einst Befürworter Hitlers Politik. Erst als die Auswirkung des Krieges auch ihre Familie erreichte entstanden Zweifel.  Hier erlebte Hanna Elisa Urlaubstage ohne Fesseln, Zusammentreffen der Nachbarschaft auf der Bank unter dem Fliederbaum, gemeinsames Musizieren, Toleranz  -  aber auch das Auseinandergehen der langjährigen Gemeinschaften, als der Fernseher seinen Siegeszug antrat.


Leseprobe

 Schweren Herzens stimmte Sophia Hardys Einzug in ihren Haushalt zu, denn sie kannte die Dorfbewohner und ahnte, was auf sie zukommen würde. Schon wenige Tage nach Hardys Ankunft wurden ihre Befürchtungen bestätigt und die besten Freunde, die liebsten Verwandten verbreiteten in Windeseile die ungeheure Nachricht, das Lillis Verlobter mit ihr unter einem Dach lebte, zwar bei den Eltern, aber trotzdem,
„Dat jehört sich doch nit. Wat saat de Pastor dazu?“.
Sophia war erschüttert, Jakob lachte, Hardy fühlte sich als Verursacher des Geredes unwohl und Lilli lief nur noch mit zu Boden gesenktem Blick durch das Dorf.
„Das Geschwätz der Leute geht uns nichts an.“,  beruhigte Jakob das junge Paar.
„Sophia scheint auch vergessen zu haben, in welche Familie sie hinein geheiratet hat. Schon unsere Vorfahren haben gezeigt, dass der Wert eines Menschen an anderen Dingen zu messen ist als an Äußerlichkeiten“.  
  Nachmittags versammelte sich die ganze Familie am Arbeitstisch im Hof, um Gemüse zu putzen, das Jakob und Lilli mit dem großen Leiterwagen aus dem Garten geholt hatten.
  Jakob rauchte stehend eine der kostbaren Zigaretten, die Hardy ihm aus dem Ruhrgebiet mitgebracht hatte, beobachtete eine Zeitlang nachdenklich die über ihre Arbeit Gebeugten, holte einmal tief Luft, setzte sich zu ihnen und bat, ihm zuzuhören.
„Ich denke es ist an der Zeit, dass ich euch von meiner Großmutter erzähle. Sie war eine außergewöhnliche Frau, stark und aufrecht ging sie durch das Leben. Kein Klatsch und Tratsch drang je an ihre Ohren. Niemand hätte gewagt in ihrer Gegenwart schlechtes über einen Dorfbewohner zu erzählen. Mein Vater war ihr ältester Sohn.  Allein die Umstände unter denen er im Jahr 1857 gezeugt wurde sprechen dafür, dass Großmutter eine bemerkenswerte Frau war. Mit achtzehn Jahren, von ihrer ersten großen und einzigen Liebe verlassen, fasste sie den Entschluss, kein männliches Wesen mehr an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Sie wollte sich weiteren Schmerz ersparen.
  Mit den Jahren entstand in ihr der Wunsch, eine immer stärker werdende Sehnsucht nach einem Kind, bis sie mit fast dreißig Jahren den Mann traf, von dem sie glaubte, er könnte ihr diesen Wunsch erfüllen, ohne dass sie ihr eigenes unabhängiges Leben aufgeben müsste, das sie sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hatte. Trotz der zahlreichen fragenden Stimmen im Dorf verriet sie den Vater ihres Kindes nicht und heiratete nie, war aber der Meinung, ein Kind sollte nicht alleine aufwachsen und bekam drei Jahre nach der Geburt des ersten Sohnes von einem anderen Mann einen zweiten Sohn. Die Väter ihrer Söhne hatte sie mit Bedacht ausgewählt. Beide waren hoch gewachsen und kräftig, intelligent, warmherzig und humorvoll und sie waren Fremde, die das Dorf mit Sicherheit wieder verlassen würden. Sie arbeiteten als Ingenieure an der Bahnstrecke und erfuhren nie, dass sie Vater waren. Es hätte sie sowieso nicht interessiert. Ihre Söhne zog Großmutter ohne fremde Hilfe auf, die beide die guten Eigenschaften und das Aussehen ihrer Väter erbten, gepaart mit ihrer Naturverbundenheit, Sparsamkeit und ihrem Arbeitswillen.
  Der Umstand, dass sie schon als sehr junge Frau von ihren Eltern einige Grundstücke und ein kleines Häuschen mit Stall und Scheune erbte, das nur wenige Meter von den Bahnschienen entfernt lag, versetzte sie in die Lage ungebunden zu leben. Sie vermietete Zimmer und bei den Bahnarbeitern sprach sich schnell herum, dass sie nirgendwo freundlicher aufgenommen würden und sauberere und hellere Zimmer erhielten.
  In ihrem Stall gediehen Schweine und Hühner, die großen Gärten versorgten sie mit Gemüse und Obst im Überfluss und zum Erstaunen der Dorfbewohner kaufte sie bereits nach wenigen Jahren ihrer Selbständigkeit weitere Gartengrundstücke und Wälder, schickte ihre Söhne zur Schule und erwarb sich uneingeschränkte Achtung und hohes Ansehen im Dorf. Auch im Alter beanspruchte sie keine fremde Hilfe. Sie gab ihre Selbständigkeit nie auf, obwohl Söhne und Schwiegertöchter ihr immer wieder anboten, sie von ihren Pflichten zu befreien. Mit vierundachtzig Jahren beschloss sie, ihr Leben dauerte nun lange genug. Die Müdigkeit nistete sich auch an sonnigen Tagen in ihrem Körper ein. Nach jahrzehntelanger harter körperlicher Arbeit wich der Schmerz nicht mehr aus den Knochen, die Gelenke waren verschlissen. Sie legte sich ins Bett, rief die Söhne und ihre zehn Enkelsöhne zu sich und sagte ihnen,
„Das Leben gab mir die Gelegenheit mich mit den Männern zu versöhnen. So sehr ich mir eine Tochter wünschte, ich habe gerne mit euch zusammen gelebt und bin stolz auf euch.“
  Nachdem sie sich auch von ihren beiden Enkeltöchtern und den Schwiegertöchtern verabschiedet hatte, verflüchtigte sich ihre Seele und der zurückgebliebene Körper der großen starken Frau erschien
den Söhnen klein und zerbrechlich. Ihr Tod hinterließ nicht nur in der Familie eine unausfüllbare Lücke. Alle Bewohner des Dorfes trauerten um sie.
  Viele junge Frauen hatten sich bei Krankheiten, ungewollten Schwangerschaften und Liebeskummer an sie gewandt und sie hatte vielen helfen können. Die Kräuterkunde war zeitlebens ihre große Leidenschaft, sie versäumte aber ihr wertvolles Wissen weiterzugeben. Die Tochter fehlte.
  Die Söhne hatten beide ein Handwerk gelernt, ortsansässige Frauen mit Landbesitz geheiratet und profitierten nach Großmutters Tod  von ihrem hohen Ansehen. Jetzt wurden sie im Dorf um Rat und Meinung gefragt.
  Heute sehe ich das als meinen Einstieg in die Kommunalpolitik. Ich war noch ein Knirps, saß auf den Knien meines Vaters und hörte aufmerksam zu, wenn er sich mit den Ratsuchenden unterhielt und lernte bald, meine eigene Meinung zu bilden.  Wir wohnten im Haus der Großmutter. So lange sie lebte, war sie der Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns.
  Mit den Jahren waren wir zu einer stattlichen Familie herangewachsen. Ich hatte fünf Brüder und eine Schwester und ich liebte sie alle. Wir lebten nicht im Luxus, aber wir haben nie gefroren, kannten keinen Hunger, trugen im Winter Schuhe und hatten jeder ein eigenes Bett.
  Du siehst mich erstaunt an, Lilli! In unserem Dorf gab es viele Leute, für die diese Dinge nicht selbstverständlich waren. Aber wir hatten Glück, gute Eltern, in deren Mitte wir uns geborgen fühlten, obwohl sie uns schon als kleine Dötzchen mit in die Gärten und Wiesen nahmen, um die Beete zu hacken, die gefräßigen Raupen von Gemüse und Obst zu sammeln, beim Ernten zu helfen und am Rheinufer Futter zu suchen. Schon im Kindesalter versorgten wir die Tiere und gingen den Eltern beim Ausmisten der Ställe zur Hand. Wir lernten schon in jungen Jahren harte Arbeit kennen. Es störte uns nicht.
  Ungewöhnlich für die Zeit um die Jahrhundertwende war, dass eine Familie unseres Standes kein angepasstes Leben führte. Trotz der vielen Arbeit ließen die Eltern uns Kindern Freiräume für eigenes Denken und Handeln. Wir besuchten alle die Schule. Mit vierzehn Jahren mussten wir arbeiten gehen, um Geld zu verdienen und ohne dass darüber jemals gesprochen wurde, legten alle Kinder einen Anteil ihres Lohnes der Mutter auf den Küchentisch. Es war nicht möglich sieben Kindern eine Lehre oder eine weiter gehende Schulausbildung zu finanzieren. Fünf von uns sechs Brüdern haben erreicht, was möglich war. Wir haben alle einen guten Beruf und eine liebevolle Familie. Ein großes Glück ist, dass wir alle bei der Reichsbahn beschäftigt sind und dadurch nicht zu den Kriegen einberufen wurden. Das Soldatenleben blieb uns erspart.
Was erzähle ich? Das ist euch doch bekannt!
  Meine Schwester war die einzige von uns, die das Dorf verließ.  In ihren letzten Lebensjahren erzählte Großmutter häufig von den Vätern ihrer Söhne und meine Schwester war ihre aufmerksamste Zuhörerin.
   Bei Aufräumarbeiten nach Großmutters Tod fand sie in einer Kommode einen längst vergessenen Brief mit Namen und Adresse des unbekannten Großvaters. Sie fühlte sich schon lange durch die Berge, die unser wunderschönes Rheintal umgeben, eingeengt, dazu kamen Großmutters Erzählungen und der Brief des Fremden – das alles zusammen löste in ihr den Wunsch aus, die Familie des Großvaters zu suchen. Trotz vieler Mahnungen der Eltern ihren Schritt zu überdenken, begab sie sich eines Sommertages auf den Weg und kam erst nach vielen Jahren zu uns zurück. Sie blieb nur wenige Tage und plante bereits neue Abenteuer zu erleben. Ihre Erlebnisse werde ich heute nicht erzählen. Der Tag nähert sich dem Ende und die Zeit reicht nicht aus, ihre Dummheiten aufzuzählen“.
Sophia lachte, wusste sie doch wie stolz Jakob auf seine Schwester war und wie sehr er sie liebte.
„Mein jüngster Bruder ist euch unbekannt. Wie solltet ihr ihn auch kennen? Als er starb, ward ihr noch nicht geboren.
Hännes, das kleine zarte, immer hungrige, von allen verhätschelte Nesthäkchen, trat nach der Schulentlassung in unsere Fußstapfen.  Im Geleitschutz seiner großen Brüder marschierte er die wenigen Schritte zum nah gelegenen Bahnhofsdepot, wo er für den ersten Arbeitseinsatz in der Rotte eingeteilt und ausgestattet wurde. Andächtig hörte er unseren Schilderungen zu, die von der großen Verpflichtung sprachen, die von nun an auf ihm lastete.
„Stell dir das nicht so einfach vor, das ist kein Pappenstiel, die Verantwortung für die Gleisanlagen liegt ab jetzt mit in deinen Händen“,
und Hännes fasste den Vorsatz, die abzulaufenden Schienen sorgfältig zu kontrollieren und auszubessern.  Nicht der kleinste Schaden sollte seinen Augen entgehen, die Rheinstrecke würde unfallfrei bleiben, dafür wollte er sorgen. 
  Wir Älteren begaben uns seinerzeit alleine auf den Weg zu unserer unbekannten Arbeitsstelle, aber niemand von uns wäre auf die Idee gekommen, dies dem Jüngsten zuzumuten, und die Mutter sah erleichtert hinter uns her, die dem Kleinsten ihre Unterstützung auf dem mühsamen  Weg ins Erwachsen werden zusagten. Sogar die drei verheirateten Söhne waren am heutigen Tag im Elternhaus erschienen, um sich den Brüdern anzuschließen. Die Mutter unterdrückte die aufsteigenden Tränen. Jetzt ging auch der letzte ihrer Sprösslinge aus dem Haus.  Aber da half kein weinen oder zetern, es war der Lauf der Dinge und sie hatte sich wortlos zu fügen.
Der Rottenführer begrüßte Hännes,
„So, so, du bist der letzte von Königsfelds Pitters Nachwuchs. Dann wollen wir mal sehen, was in dir steckt. Wenn du so wirst wie deine Brüder, na, dann bekommen deine Eltern keine Sorgen."
teilte ihm sein Werkzeug zu und der Arbeitstag begann.